von Grit Hermann ☼ Quelle: www.casita-del-sol.de/hingabe.htm
gekürzter Auszug aus CASITA DEL SOL Sonderheft
Wer kennt sie nicht: Phasen, in denen man seine Gefühle intensiver als sonst wahrnimmt, wo eine Kleinigkeit einen schon aus der Mitte bringt? Ich meine keine Wutanfälle o.ä., wo wir sichtbar aus den Fugen geraten sind, sondern vielmehr das, was unser Herz berührt. Momente z.B. in einem Fernsehfilm, die so bewegend sind, das man mitgeht, das Herz sich öffnet und das Taschentuch auch mal füllen kann. In einem solchen «Zustand» befand ich mich, als das folgende geschah.
Wir waren in der METRO, um einiges einzukaufen, als ich plötzlich inmitten der Backwaren (!!!) ein abgepacktes Huhn fand. «Wie kommt das denn dahin und vor allem: wer macht sowas?» Mein erster Impuls war, es zurück in die Kühlabteilung zu bringen. Als ich das meinem Mann vorschlug, sagte er nur: «Laß das lieber - wer weiß, wie lange das schon da liegt (ohne Kühlung), nachher verdirbt sich noch einer den Magen daran». Damit hatte er nicht ganz unrecht, denn natürlich konnte ich nicht wissen, wie lange es schon da lag.
Dies wiederum löste in mir fast eine Art Schmerz aus, denn nun war klar, daß derjenige, der das Huhn aus welchem Grund auch immer dort abgelegt hat, es somit dem Tod freigegeben hat, d.h. natürlich war es schon tot. Aber die Tatsache, daß es nun ganz umsonst und völlig sinnlos sein Leben lassen mußte, nur weil mal wieder ein Mensch unachtsam war, trieb mir glatt die Tränen in die Augen. Und eins kam zum anderen. Mit wieviel Liebe und Hingabe haben diese Tiere gelebt, wieviel haben sie uns gegeben (sie haben sich selbst uns ganz und gar gegeben) und was macht der Mensch? Arrogant entscheidet er über Leben und Tod, nicht etwa, um selbst leben zu können (dafür würden die Tierseelen vielleicht noch Verständnis haben - ähnlich sehen es die Indianer z.B.), sondern des Profites wegen. Die Massentierschlachtungen zur Zeit sind das beste Beispiel dafür.
Was gibt uns das Recht, Tiere als Sache zu betrachten und sie einfach zu töten, weil es uns so besser «in den Kram paßt»?
Wo ist unser Dank für ihr Leben, ihre Hingabe, ihr Sein? Ich muß ehrlich sagen, daß ich dafür nicht das geringste Verständnis habe!
Doch zurück zum Huhn in der Metro. Ich mußte mich regelrecht zusammenreißen, um den restlichen Einkauf hinter mich zu bringen, da mir dieses Thema nicht mehr aus dem Kopf ging. Im Auto dann auf dem Weg nach Hause (dauert 1 Stunde - genau die rechte Zeit, um sich über ein paar Dinge klar zu werden) ging es weiter. Ich brauchte nur an das Bild des Erlebnisses zu denken und schon war der Schmerz wieder da und mir kamen andere Bilder dazu, sodaß es mit der Beherrschung komplett vorbei war... Und was mit den Tieren angefangen hatte, zog immer größere Kreise.... Die Vegetarier schimpfen immer gern auf «Normalesser» und wollen am liebsten alle anderen zu der ihrer Meinung nach einzigen Wahrheit bekehren mit ihrem Standard-Spruch:
«Ich esse nichts, was Augen hat.»
Genau diese Menschen frage ich: wo ist denn bitte der Unterschied zur Pflanze? Nur weil sie keine Geräusche von sich geben kann (wer weiß, vielleicht tut sie das ja doch, nur wir können es (noch) nicht hören?), sich in dem Sinne nicht frei wie ein Tier bewegen kann und keine sichtbaren Augen hat (wobei sie auch ohne Augen sehr gut alles mitbekommt, genauso wie ein blinder Mensch deshalb nicht weniger lebensfähig oder -berechtigt ist), soll die deswegen weniger wert sein? Ein Tier darf man essen, aber eine Pflanze, das ist okay?
Wer «Das geheime Leben der Pflanzen» von Peter Tompkins & Christopher Bird kennt, hat durch die umfangreichen Studien in diesem Buch erfahren, daß die Pflanze sehr wohl spüren und sich mitteilen kann, nur eben auf ihre (für uns oft nicht so deutlich wahrnehmbare) Art. Erklärt sie das deshalb für eßbar und den Umstand, daß wir sie für die Zubereitung «töten» oder bereits «tot» einkaufen, als weniger «schlimm»?
Ich denke, man sollte bei seinen Überlegungen vielleicht weitergehen und nicht einfach pauschal sagen: dies dürft ihr, das dürft ihr nicht, das sagt auch Dr. ... oder Meister ...
Jeder muß SEINE Wahl treffen, wie er damit umgeht und ich denke, der Weg kann nicht über das WAS laufen, sondern nur über das WIE. Und über das WIE erschließt sich vielleicht auch das WO. Wo z.B. kaufe ich das, was ich verzehren möchte? Dort, wo Leben geachtet und artgerecht behandelt/gehalten wird oder dort, wo Massen- und Profithaltung den Alltag bestimmen?
Sicherlich läßt sich das nicht immer auf den ersten Blick erkennen, denn nicht in allem, wo Bio drauf steht, ist auch Bio drin und ebenso muß nicht jeder Biohof ganz und gar mit diesem Denken einhergehen, denn natürlich gibt es auch hier so viele Meinungen und Denkansätze wie es Menschen gibt. Allein z.B. die Regeln, die von Demeter bei Anbau und Ernte beachtet werden, unterscheiden sich eminent von denen bei Bioland (wer sich hierfür interessiert, bitte bei den Verbänden nachfragen). Noch anders sind die EU-BIO-Richtlinien, die wesentlich lockerer sind.
Worauf wir uns jedoch immer gut verlassen können, ist die innere Stimme, die uns sicher hilft, aus dem Vorhandenen das beste für uns herauszufinden.
Auch hier gibt es wieder einige, die die Kür zur Pflicht erklären: wenn man diese Haltung hat, MUß man immer im Bioladen einkaufen. Denen gebe ich zu bedenken: nicht immer ist (wie vielleicht in einer Großstadt) der Bioladen gleich um die Ecke. Unser nächster Bioladen ist z.B. über 20 km entfernt und sicherlich ist es nicht im Sinne der Umwelt, deswegen jedesmal extra zig Kilometer mit dem Auto zu fahren (Verkehrsanbindungen gibt es hier nicht). Möge aber jeder bitte selbst für sich entscheiden, womit er sich wohlfühlt!
Was ich jedoch in letzter Zeit immer öfter feststelle und mich wirklich freut, ist die Tatsache, daß immer mehr «normale» Supermärkte Bioprodukte mit aufnehmen. Anfänglich waren es meist Produkte, die noch schnell mit auf die Biowelle aufspringen wollten, doch mittlerweile sind es z.T. die gleichen Produkte wie im Bioladen und das ist schön.
Dadurch, daß diese Produkte nun auch dort vermehrt gekauft werden, drückt sich ein zunehmendes Bewußtsein der Käufer aus und je nach Absatz werden sicher neue Bioprodukte hinzukommen, die dem Anspruch «BIO» auch bei genauerer Betrachtung standhalten können.
Doch zurück zu «meinem Huhn». Im Auto nun auf dem Rückweg nach Hause sah ich all das, was der Mensch fremdem Leben antut:
Er...
Was glaubt der Mensch denn, wer er ist...?! Und was läßt ihn glauben, daß alles bliebe ohne Folgen?
Er bezeichnet sich gern als Krone der Schöpfung, weil er meint, als einziges Wesen Intelligenz zu besitzen... Und was tut er damit? Arrogant trampelt er in allem herum und zerstört alles ohne nachzudenken, denn schließlich hat er ja das Sagen....
Mich erfüllte solch eine Wut über soviel Undankbarkeit & Arroganz, über die Tatsache, daß der Mensch sich ständig einbildet, alles im Griff zu haben. Was hat er denn wirklich im Griff? Sich selbst? Ich glaube, noch nicht einmal das!
Schaut man sich dagegen die Tier- oder Pflanzenwelt an, so habe ich oft das Gefühl, daß hier sehr viel mehr Intelligenz und Weisheit verborgen liegt, als wir denken.
Nicht etwa die Tiere und Pflanzen sind weniger wert oder dümmer, weil man ja mit ihnen machen kann, was man will, sondern in der Art, wie sie damit umgehen, kann man diese Weisheit erkennen. Ich würde sogar sagen, daß wir gerade von Tieren und Pflanzen sehr viel mehr lernen können, als in allen Büchern der Welt oder von allen bestehenden oder noch neu dazu kommenden Technologien zusammen. Schauen wir doch einmal: was sind die wirkungsvollsten Produkte und Technologien, die besten Maschinen? Genau die, die sich an der Natur orientieren! Mittlerweile gibt es einen ganzen Wissenschaftsbereich, der die Welt der Pflanzen und Tiere studiert und für die Menschen umsetzt: Die BIONIK - z.T. mit fantastischen Ergebnissen. So gibt es inzwischen Waschbecken, Dachpfannen und Wandfarbe für Häuser, die dem Lotuseffekt aus der Natur nachempfunden wurden. Die Lotusblume hat eine spezielle Beschichtung auf ihren Blättern, sodaß nichts ihnen anhaften kann: kein Schmutz, keine Tinte, noch nicht mal zähflüssiger Honig. Es perlt einfach ab und mit dem nächsten Regenguß ist alles wieder sauber, als wenn nie etwas gewesen wäre.
Das ist die Genialität der Natur - etwas, das der Mensch stets bewundern, aber niemals selbst erschaffen kann!
Hiervon können wir lernen, doch nicht nur in der Forschung, Industrie und Technik, sondern auch in der ganzheitlichen Sichtweise, im alltäglichen Erleben und Miteinander.
Schauen wir uns z.B. die Tiere an. Wieviel Liebe und Hingabe verströmt ein Tier, einfach dadurch, daß es da ist. Wieviel Anmut und Würde hat es. Wie oft können uns Tiere mit ihrer Leichtigkeit berühren und anstecken (wenn man Tieren beim Spielen zuschaut). Wie oft erlebt man, daß besonders Haustiere spüren, wenn es uns nicht gut geht und sie uns dann aufbauen, indem sie zu uns kommen und schmusen. Und selbst, wenn sie mal etwas Ungehöriges getan haben und man einmal laut wird, weil z.B. wieder das Sofa als Kratzecke benutzt wurde, so ist es kurz darauf wieder gut.
Tiere wie Pflanzen haben eine Hingabe an das Leben und auch uns, daß es einem glatt die Sprache verschlagen kann. Bei ihnen gibt es nicht die Überlegung wie bei uns, ob wir uns sicherheitshalber lieber zurückziehen, verstellen oder verstecken sollten. Tiere und Pflanzen sind immer ganz da, immer MITTEN im Leben; man kann aus ihren Augen/ihrem Wesen ablesen, was in ihnen vorgeht (bei einer Pflanze kann man es, indem man sich auf die einstellt, praktisch innerlich eine Verbindung herstellt). Sie sind immer offen und ehrlich. Sie nehmen das an, was ist, egal, ob das ein lieber Mensch ist, der sich um sie kümmert oder einer, der ihnen nichts Gutes will.
Erstmal ist da das Vertrauen in alles, was ist. Können wir das auch von uns sagen?
Sicherlich gibt es auch Tiere, die z.B. mißtrauisch oder ängstlich sind - sicher werden sie ihre Gründe dafür haben, durch z.B. schlechte Erlebnisse, die sie hatten. Sie lernen dazu, wie wir auch, sie passen sich dem an, was ist. Die ganze Schöpfung ist immer in Bewegung und lernt dazu. So verändern sich auch die Tiere und Pflanzen im Laufe der Jahrmillionen und die Mutationen, die in der Folge der Fortpflanzungen entstanden, sind u.U. heute der Normalfall, da sich gezeigt hat, daß diese Form evtl. besser mit den Gegebenheiten der Umwelt zurechtkommt und so sicherer ihre Art erhalten kann.
Es steckt unendliche Weisheit darin, nur der Mensch will das nicht sehen und bastelt sich sein eigenes begrenztes Wissen zurecht,
das er zur allgemein gültigen Weisheit deklariert, bis der erste «Störfall» eintritt (wie z.B. BSE + MKS), der seine gewohnte Ordnung/Weltbild beeinträchtigt. Aber solange es nur kleine Anzeichen sind, wird erstmal abgewiegelt, totgeschwiegen. Eine Ärztin, die 1984 bereits die ersten BSE-Anzeichen festgestellt hat, wird also entlassen, anstatt diesen wichtigen Hinweisen nachzugehen. Ist ja einfacher und schließlich will man ja keine unnütze Panik auslösen... Und was haben wir jetzt?! Millionen Bürger, die sich mit Recht (entschuldigt die deutlichen Worte) ziemlich verarscht fühlen....
Nicht anders bei den gentechnisch veränderten Produkten: erstmal machen, auch wenn keiner Ahnung davon hat, gar nicht haben kann nach so kurzer Zeit der Forschung (wenn es überhaupt eine am Menschen gab - mir scheint, daß es manchmal wichtiger ist, zu beweisen, daß z.B. Homöopathie NICHT funktioniert, als zu erkennen, daß etwas Bestehendes evtl. schädlich sein könnte). Wenn es die ersten Nebenwirkungen gibt, findet sich garantiert ein Argument, mit dem man sich herausreden kann...
Das beste Beispiel für die Hingabe der Schöpfung an uns ist immernoch die Pflanzenwelt, wie z.B. ein Baum.
Er braucht lange, um zu wachsen, ist allen möglichen Umständen ausgesetzt wie Wind & Wetter, Gefahren wie Blitzschlag, auch Umweltverschmutzung, Dünge- und Spritzmittel der Landwirtschaft. Mit all dem muß er zurechtkommen, doch er kann nicht weglaufen, wie wir es gern tun, wenn es ungemütlich wird oder einen anderen Schuldigen dafür suchen, der es dann für ihn regeln soll. Er hat seinen festen Platz und muß selbst sehen, wie er sich weiterentwickelt. Auch, wenn ein Mensch ganz am Anfang nach dem Keimen unachtsam auf sein erstes Grün tritt, schafft er es, sich wieder aufzurichten und weiterzuwachsen.
Und wenn wir dann schauen, wieviel kann uns eine 70-jährige Eiche vermitteln? Sie gibt uns nicht nur Schatten, sondern auch einen Halt, etwas, an das wir uns anlehnen können. Sie drückt Stärke und Macht auf positive Weise aus und wenn wir ganz still sind und dem Rauschen der Blätter lauschen, können wir ihre Energie wahrnehmen, ihre Weisheit und Liebe spüren, ihre Hingabe an den Boden, in dem sie fest verwurzelt ist, ihre Hingabe an den Himmel, dem ihre Äste entgegenstreben.
Und da ist keine Beschwerde an Gott: «Hey, gestern war's aber richtig kalt und naß, morgen will ich aber Sonne haben...»
Das wären wohl eher unsere undankbaren Worte, die nicht sehen, was ist und stattdessen immer schauen, was (noch) nicht ist - Geduld können wir dabei gerade von Bäumen besonders gut lernen. Eine Eiche wächst pro Jahr etwa 10 cm und sagt trotzdem nicht: «Mann, erst 10 cm, ich will aber 30 m groß werden... - geht das denn nicht schneller...?» Das wären wiederum eher unsere Worte und so gibt es vieles, was der Mensch von der Natur lernen kann und wo er vielleicht lieber verschämt und still verharren sollte, anstatt laut seine eigene Größe, Stärke und Weisheit zu verkünden.
(...) Aber die «Geschichte mit dem Huhn» ist noch nicht vorbei.... Ich spürte also während der Heimfahrt im Auto eine unbändige Wut auf die Menschen als Ganzes (zu denen ich ja aber genauso gehöre - das gab mir denn doch zu denken....), ein absolutes Unverständnis über die Dinge, die jeden Tag auf's Neue geschehen und fragte mich, ob es nicht wirklich einfacher wäre, wenn die Welt ohne den Menschen leben würde...
kompletter Artikel im Casita del Sol Sonderheft
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